01 August 2017

Vom Petersburger Kriegsflottenfest nach Wyborg

An unserem letzten Tag in St. Petersburg genießen wir die große Kriegsflottenfeier: Die 50 Kriegsschiffe, 5000 Matrosen, Kampfflugzeuge und Panzer begeistern mich mehr als meine Frau. Unsere beiden letzten russischen Nächten verbringen wir in Wyborg, wo die alten Schweden sich 1293 eine Festung errichteten.


Treffen mit Freundschaftsfahrern


Zum Glück verbringen wir den verregneten Petersburger Samstag im russischen Museum. Am regennassen Nachmittags treffen dann am Stellplatz des Hotels Elizar die ersten Freundschaftsfahrer ein. Auf  Prof. Rainer Rothfuss und seine Freundschaftsfahrer wartet eine Begrüßungsfeier in einem noblen Hotel an der Newa. Wir schließen uns drei Friedensfahrern an und machen uns mit drei gestandenen Bergleuten im Vorruhestand auf den Weg: Marik, Andreas und Udo.



Die Metro bringt uns bis auf zweieinhalb Kilometer an unser Ziel. Da wir die Bus- oder Bahnlinien zum Hotel nicht kennen, kämpfen wir uns die letzte Strecke durch den nieseligen Regen an der Newa vor.


Ein erfrischender Abendspaziergang durch den Petersburger Regen bringt uns zum Okhtinskaya Hotel, wo die Begrüßungszeremonie schon vorbei ist.


Dort kommt es noch zu einem Händeschütteln mit Rainer, der als Organisator und Motor der Aktion den Kopf übervoll hat mit Terminen und Treffen mit mehr oder minder wichtigen Menschen. Jedenfalls war die russische Brot- und Salz-Begrüßung im Hotel schon vorbei, so dass wir uns in unserer kleinen Gruppe auf den Heimweg machten.



Um den Durst von der anstrengenden Reise zu stillen, denn schließlich waren die Friedensfahrer schon seit morgens von Utorgosh unterwegs, erforschen wir noch einen Getränkemarkt. Dieser durfte Wein, Bier, Schnaps verkaufen, jedoch nur für den sofortigen Verzehr. Daher öffneten die Verkäufer jede Flasche, Bier, Wein und Wodka direkt an der Kasse, die geöffnet der Kunde bezahlte und bekam. An einer Art erweitertem Fensterbrett feierten wir dann gemeinsam unsere bislang glücklich Reise im Getränkemarkt.

Fahrradfahrt zum Kriegsflottenfest

Wir sind vergleichsweise früh wieder munter und wagen uns an eine Radtour ins Centrum.


Die Petersburger Kriegsflottenfeier findet noch am gleichen Tag beispielsweise in der WELT einen Pressebericht.



Die paar mausgrauen Kriegskähne auf der Neva als "riesige Parade" hochzujubeln, scheint mir übertrieben. Auf der Newa wäre Platz für mehr Schiffe gewesen.



Prof. Rainer Rothfuss mit seiner Entourage genießt vermutlich die Show von der Ehrentribüne aus. Jedenfalls veröffentlichen die Friedensfahrer auf Facebook eindrucksvolle Bilder wie der Düsenflugzeuge, die Farben der russischen Flagge in das Firmament blasen. Wir freuen uns, dass zufällig die Russen an unserem letzten Tag in St. Petersburg den "Tag der russischen Kriegsflotte" feiern. Russlands Präsident Wladimir Putin ist auch dabei.

Farbenflugfrohe Formationen für Friedensfreunde

Die Friedensfahrer mit Prof. Rainer Rothfuss, einer Dolmetscherin und Ewald Klein vom Reisebüro Leipzig treffen sich mit Verantwortlichen der Flottenparade, wie sie dies bei Facebook veröffentlichen.


Diese Show wollen wir nicht missen. Mit Fahrrädern vom Hotel Elizar radeln wir an der Newa flußabwärts und bewundern die Ausblicke auf die Stadt, die Bauten, den Fluß und die Kriegsschiffe.



Doch Radfahren in St. Petersburg kostet Nerven. Zum Glück verzieht sich der Regen, der gestern von Mittags bis Mitternacht pladderte. Auf unserer Rückfahrt von der Eremitage wärmt uns strahlender Sonnenschein.



Wenn sich der Regen verzieht, trocknen Wind und Sonne schnell das Pflaster. Nur in tiefen Pfützen steht das Wasser noch tagelang. Wir schwingen uns voller Tatendrang auf die Räder. Nach wenigen Kilometern auf dem überbreiten Bürgersteig müssen wir Hindernisse wie Baustellen und Schnellstraßen überwinden.



Meine Frau Stephanie voller Morgenschwung winkt freudig dem faszinierenden Hotel  und Buisiness-Center "Moskau" zu. Noch hängt der Himmel voller Wolken, doch der Wetterbericht hat für den Nachmittag Sonne versprochen.


Irgendwie muss man mit Fahrrädern mehrspurige Schnellstraßen überqueren, auf denen manche Autos mit 100 Stundenkilometern vorbei schießen.


Wenn man das geschafft hat, radelt man entspannter am Uferweg der Newa. Im Hintergrund eine Eisenbahnbrücke, die nicht hochgeklappt wird. Das mittlere Stück wird zwischen den beiden Türmen hochgezogen. So können zwischen 2.00 Uhr nachts bis 5.00 Uhr morgens große Schiffe den Fluß befahren. Für die Kriegsflotte gab es heute wohl eine Ausnahme, wie ein Bild von den Freundschaftsfahrer dokumentiert.


Auf der mehrspurigen Uferstraße an der Neva sperrt die Polizei den Verkehr, was uns ruhigeres Radeln erlaubt.


Boote der Wasserpolizei verhindern, dass Sportboote die Neva flußabwärts fahren und die Manöver der Kriegsschiffe stören. Angler lassen sich von nichts und niemandem stören.


Auch meine Stephanie winkt und wirkt noch nach den ersten sechs, sieben Kilometer fröhlich.


Wenig weiter lässt sich an diesem Bild der Wetterwechsel beobachten. Sonne und Wind haben alle Nässe vom Gehsteig getrocknet.


Das Wetter hat umgeschlagen. Die Sonne bleibt bis zum Abend, vielleicht bis morgen? Die Blumen vor der Buddha-Bar und die Feuerleitern erstrahlen in Glanz von Farbe und Rost.


Die Sonne scheint. Die Kriegsflotte kommt. Die Matrosen üben Landemanöver. Auf die weißen Anzüge tropft kein Regen.


Mit gut geübtem Schwung wirft der Matrose das Tau seinem Kameraden am Ufer zu, der es um den Poller schlingt.



Die Spannung steigt. Andere Kähne der Kriegsflotte schippern gemächlich die Newa flußaufwärts.


Nun liegen schon zwei Kriegskähne an der Ufermauer und recken ihre Bugwaffe gen Himmel.



Das Fernsehen und die Zuschauer brauchen packende Bilder. Die Matrosen reihen sich gebügelt und gestriegelt an der Reling auf.

Vor der Hochhauskulisse mit den fünfzackigen Sternen auf dem Dach, der vergoldeten Zwiebel der Kirche macht sich das graue martialische Kriegsschiff besonders schön.


Die Manöver-Manager lassen sich nicht lumpen. Zum sonoren Dieseln der Kriegskähne gesellt sich das nervösere Hummelbrummen der Hubschrauber. Putins Kassenwarte sparen am Festtag der Kriegsflotte nicht mit Betriebstoff. Nach Schiffen und Kampfhubschrauber jagen Kampfflieger über die Szene. Das dröhnt noch besser.


Auch wenn sich der Himmel zeitweise wieder verfinstert, die Diesel qualmenden Schiffe, das Brummen der Flugzeugmotoren, das Heulen der Kampfjäger geben uns in Petersburg das Gefühl, dass Putin uns gut vor dem allbösen Feind beschützt.




Als Hobby- und Urlaubsreporter belastet mich keine gefühlte Tonnenschwere Kameraausrüstung mit armlangen Objektiven. Man bekommt auch mit kleineren Kameras genug mit von der Supershow der Petersburger Kriegsflotte. Die meisten knipsen ohnehin mit ihren Smartphones.


Jetzt ein ganz besonderer Kitzel: Im Formationsflug dröhnen Kampfflugzeuge, anmutig wie Wildgänse, über das Firmament.


Dass Putin sich das Spektakel nicht entgehen lässt, ist gut verständlich. Die Petersburger lieben die Show. Das lässt sich daran ermessen, dass viele Menschen sich mit blau weißen Matrosenkleidchen, gestreiften Hemden und Matrosenmützen schmücken. Einige tragen Fahnen oder lassen sie aus den Autofenstern hängen.


Bedauerlich, dass nicht noch mehr Kriegsgerät zu Wasser und in der Luft die Wehrhaftigkeit und Wehrbereitschaft Russlands zeigt. Vielleicht muss Putin wegen der westlichen Wirtschaftssanktionen sparen.


Jedenfalls feiern die Menschen das Kriegsflottenfest. Mit Kind und Kegel ziehen sie auf die Straße, dass wir am Ende den überfüllten Gehsteig an der Newa mit dem Fahrrad nicht mehr befahren können. Also weichen wir auf die Straße aus, die sich nach dem Fest wieder mit mehr und mehr Autos füllt.


Man stelle stelle sich eine deutsche Truppenschau mit einem deutschen Familienvater und seinen Lieben vor. Wenn der Mann mit Fahne - egal welcher Couleur - durch die Straßen spaziert, wäre der Aufschrei groß. In Buntschland hämt dann der Mob: "Voll Nazi".


Bei diesem Bild an einem Seitenkanal zur Newa mit der Brücke zum Marsfeldgarten beachte man den Randstein. Da kommt kein SUV mehr rauf.


Wir haben es fast bis zum großen Platz vor der Eremitage geschafft. Doch Lärm, Trubel und Anstrengungen haben uns geschafft. Bei einer köstlichen Pizza mit Pilzen, Salat und einer traditionellen Tofu-Suppe tanken wir neue Kräfte.


Wir haben den Park am russischen Museum erreicht. Die Marktfrau schaut erstaunt, dass sie jemand fotografiert. Die Preise für Himbeeren, Heidelbeeren und Brombeeren gleichen den unsrigen daheim. Während in Buntschland betrunkene Rowdies Fahrräder krumm und klein treten, schlimmstenfalls auch eine Frauen die U-Bahn-Treppe  hinab trampeln, während fast jeder acht- und gedankenlos Kippen wie Kaffeebecher auf's Pflaster schmeißt, gibt es solche Unsitten in Petersburg noch nicht.

Was mir heute hier in Petersburg auffiel, war für mich eine erste, einmalige Erfahrung. Ein Mann schnippt seine Kippe in den Abfalleimer. Die trägt der Wind von der Newa gerade neben den Eimer. Der Mann bück sich, hebt die Kippe auf und entsorgt sie korrekt im Eimer.



Im Englischen Garten in München hinterlassen die Massen nach sonnigen Feiertagen Berge von Müll. Hier in Russland geht eine Beamtin durch den Park, in dem junge Leute die Bierflasche in einer Tüte versteckt auf der Parkbank trinken. Trinken wollen. Die Uniformierte verbietet dies mit einer Geste. Ihre kurze Aufforderung genügt, dass sich die Jugendlichen verziehen.

Was manchen wie das Gemaule eines bräsigen Rentners vorkommt, ist für mich ein Symptom der Zustände in Buntschland. Dies Wochenende, wo die Petersburger ihr Kriegsflottenfest feiern, sticht ein Messermörder in Hamburg zu, ein Maschinenpistolero knallt in einer Konstanzer Disco Menschen ab - und all das hat wieder mit Nichts etwas zu tun. Womit denn dann?


Die Ordnungskräfte in Buntschland halten die Menschen nicht mehr im Zaum. Kirche, Parteien, Gewerkschaften, Sicherheitskräfte, Manager, Kleriker und Künstler, viele, all zu viele haben Sitte und Anstand so in die Tonne getreten, dass Hinz und Kunz sich frei fühlen, zu tun, was immer ihnen in den Sinn kommt. Weil zu viele die Sau rauslassen, stinkt es in Buntschland..


Wir kennen mittlerweile den Sitar-Spieler, der an der Auferstehungskirche mit kunstvollen Klängen gute Gewinne erwirtschaftet.


Wir haben es ins Centrum geschafft! Der Platz an der Eremitage ist eingezäunt. Zugang gibt es nur durch Sicherheitschleusen wie am Flughafen oder bei den Metros. Wen die Polizei mit seinem Gepäck mit einer kurzen Geste rauswinkt, der hält an, lässt die Beamten ihr Arbeit machen. Niemand beschwert sich, wenn ein Beamtenrüssel durch sein Gepäck schnüffelt.

 

Meiner Frau fehlt vollkommen meine Faszination für Kriegsgerät, egal ob zu Land, zu Wasser oder in der Luft. Sie nervt die Rap-Musik über dem Platz, den die Sonne aufheizt. Sie will heim ins Auto. Der anstrengende Weg an der Newa, über Straßenkreuzungen und durch Baustellen ist weit.


Kinder turnen fröhlich auf dem Kriegsgerät, was die schönsten Fotomotive ergibt. Doch wir drehen die Räder Richtung Camp, wohin uns zum Glück ein kräftigen Rückenwind Newa flußaufwärts schiebt.


Also verlassen wir die fröhliche, laute Volksfeststimmung.


Kleine wie große Kinder spielen einfach gern mit und am Kriegsgerät. Die Maschinen wirken so martialisch, männlich, mutig. Wo dies im Innern fehlt, da sucht man sich dies im Äußern.


Meine Herzensdame nimmt Kurs Newa, Kurs Camp, Kurs Ruhe. Auch mir reicht es, als nach etlichen Stunden die Dusche im Camp meine Lebensgeister erneuert.


Man wird doch zugegeben müssen: Kriegsschiffe im Sonneschein sehen schön aus, oder?


Mittlerweile haben die wackeren Matrosen ihr Millionen-und-Abermillionen Rubel teures Kriegsspielzeug ohne Kratzer angeleint. Wenn die bunten Fahnen wehen, geht die Fahrt wohl über' Meer. Die Bordschöne in Rosa sticht besonders hübsch gegen das Grau ab.





Mein Abschiedsabend aus Petersburg macht mir das Herz schwer. Eine letzte Metrofahrt allein in das Petersburger Stadtgetümmel erleichtert mir den Abschied. Feierlaune liegt in der Luft. Musikanten spielen in den Straßen.



Ein kleines Mädchen mit Matrosenmütze lohnt die Musik. Papa hat sie mit einem Geldstück in Richtung Sammelbüchse geschickt. Ein Mann tanzt gewandt vor dem Publikum. Friede, Freude, Festlichkeit schwingt überall durch die Straßen.



Adieu, Du schöne, friedvolle Stadt voller Freude, Kunst, Tanz und Tralala - mit Millionen von Kriegs- und Hungertoten in den Massengräbern, den Weltkulturerbestätten trauriger Kriegserinnerungen. Ist dies irgendwo anders?



In einer waghalsigen Kletterei hat ein Mann die Höhe des Laternenmastes erklommen. Dort hing noch eine blauweiße Fahne. Die hat der Kletterer aus der Halterung gerissen und auf den Boden geschmissen. Beim Abstieg ist er selbst noch auf den letzten Metern auf's Pflaster gestürzt. Die Bedeutung der Handlung blieb mir verborgen, wie das Meiste in Petersburg, in Russland - und wohl auch daheim in verzwergten Buntschland.


Rainer hat bei Facebook noch den wummernd donnernden Ausklang des Festes fotografiert. Die Donnerschläge des Feuerwerks ließen unser Wohnmobil noch sieben Kilometer vom Explosionszentrum wackeln. Mein Weg mit der Metro heim, lässt mich an Buntschland denken.


Die Rückfahrt mit der Metro von der Station Nevsky Prospekt zu Yelizarovskaya erinnert rudimentär an das Treiben in Buntschland: Drei Jugendliche, wohl um die 20 Jahre jung, lümmelen sich über die Metro Sitze. Einer streckt sich lang aus, lässt seinen Kopf auf dem Schoß seines Saufkumpanen ruhen, Füße auf der Kopfstütze. Das Bild in der Petersburger Metro war mir fremd bislang, in einer Metro, die weder Abfall noch Grafitti verunstaltet. Beim Halt der Bahn steigt eine alte Dame, grauhaarig und etwas ungelenk aus, geht an den Rowdies vorbei und ermahnt sie, sich ordentlich hinzusetzen. Die Kerle hören auf die alte Frau ohne zu Murren.

In Buntschland setzen Chaoten eigene Regeln hingegen. Verwöhntes Gesindel, von Papa oder Vater Staat leblang alimentiert, schwerer, harter Arbeit entwöhnt, unwillig gegenüber Schweiß treibender körperlicher Anstrengung wie auch konzentrierter Geistesarbeit tobt durch die Straßen, pöbelt, brennt, schmiert, berauscht sich an brennenden Autos und Müllcontainern, schmeißt Steine gegen Menschen, tritt auf Menschen, die am Boden liegen. Hätte der Mob Waffen, würden manche schießen. Ein enthemmter, brüllender, schreiender Pöbel fasziniert gewalttätige Kriminelle. Die schlagen, brennen, schmieren, hauen, stechen. Im Parlament sitzen Drahtzieher, die solche Aktivitäten unterstützen, Geld geben für öffentliche Räume, in denen sich Anführer der Randale mit heißen Reden profilieren.

Diese gewissenslose Klientel verbündet, verbandelt und verbrüdert sich mit Gesindel aus aller Welt, welches Politpotentaten aus ihren Gefängnissen in Nordafrika - oder wo auch immer - liebend gerne nach Europa abschieben. Denn diese Potentaten haben genug Randale im eigenen Land und können kaum die im Übermaß sich mehrenden Menschenmassen mit Grundnahrungmitteln ausreichend versorgen.

Was sich hier abzeichnet ist ein Bürgerkriegsszenario in Buntschland. Hier müssen auf brennenden Barrikaden Menschen schmerzhaft lernen und begreifen, dass es ohne eigene Leistung keine Nahrung, keine Energie, kein sauberes Wasser, keine Daten, nichts dauerhaft und nachhaltig gibt und geben kann. Für alles, für die eigene Existenz zuerst, muss man bezahlen nach Fähigkeit und Vermögen. Je eher dies Menschen erkennen, je früher Menschen sich mühen, anstrengen, bewußt für Ziele sich einsetzen und dafür auch Leid zu ertragen bereit und fähig sind, umso schneller befreien sie sich von der Faszination brennender Barrikaden.


St. Petersburg - Wyborg, kurz vor Finnland




Unser letztes Fahrtpensum in Russland ist extrem milde. Von Petersburg nach Wyborg sind es 140 Kilometer, davon ein gutes, erstes Stück Autobahn. Die Mautstelle zieht uns dafür 300 Rubel aus der Tasche, doch das lässt sich stemmen. Dafür kostet Diesel 38,9 Rubel, Diesel der besten Sorte. Vor dem billigen Fusel warnen die Experten. Einen versauten Kraftstofffilter zu wechseln, ist kein Spaß.

Raus kommen wir aus Petersburg leichter als rein. Schon nach etwa 20 Kilometer haben wir den Millionenmoloch hinter uns gebracht. Der Montagsmorgenverkehr hat uns kaum genervt.

Wyborg an der finnischen Grenze soll zum Einen schön sein. Zum andern haben wir von daheim das Motel Kirovskie Dachi, drei Kilometer vom Bahnhof und am See gelegen, gebucht. Dort hat Stefanie ein putziges Einzelzimmerchen. Statt aus dem Fenster schaut sie auf eine Fototapete.


Allrad-Profis lächeln mitleidig, dass wir 55 Euro für zwei Nächte berappen, nur um einen gesicherten Platz in der Nacht zu haben, incl. WiFi, Strom am WoMo, Dusche und Sanitäranlagen.


Allrad-Profis hätten ihren Kübel durch die Büsche gebrettert und Quartier am See im Nirgendwo aufgeschlagen. Doch wir sind nicht so abgebrüht. Zwischen dem Reichtum der Multimillionäre und der bitteren Armut anderer möchten wir uns nicht mit unserem rollenden Schatzkistchen auf irgendeinem dunklen Nachtflecken präsentieren.


Wie eine Villa am Starnberger See liegt diese Millionen schwere Holzhütte mit Blick auf den See in der Nähe unseres Motels.


Viel freien Platz gäbe es vor dem gepflegten Wohnblock in besserer Lage, wo gerade ein rumpelnder Langholzwagen mit noch längerem Langholzwagenanhänger in den matschigen Pfützen einen eleganten U-Turn hinbrachte.



Unser Hinterradantrieb hätte unsere Hütte sogar bis zu solch lauschigen Plätzchen im Grünen gebracht, ob dann wieder raus bei Regen ist eine andere Frage. Doch wir lassen es krachen und gönnen uns Stromanschluß, WiFi, Dusche und Klo, für Mima eine fensterlose Zelle für etwa 55 Euro. Soviel Geld sind uns unsere letzten beiden Nächte in Russland wert.


Stephanie hat noch einen fabrikfrischen 5000-Rubel-Schein. In diesem Turm von 1547 hat sich mittlerweile ein feines Restaurant eingenistet. Dort feiern wir vielleicht sogar unser Abschiedsmahl aus Russland, was nicht heißen soll, dass Stephanies Bordküche daneben zurücksteht.


Ein paar Fellstiefel aus der schönen Markthalle wäre auch nicht schlecht für den kommenden Weihnachtsmarkt. Dafür müssten wir wieder Geld wechseln, denn 88 Euro, nämlich 6.000 Rubel, kosten die Treter.


Mein Arbeitszimmer daheim würde wesentlich gewinnen, wenn dort ein Kristallleuchter statt der armseligen Deckenleuchte strahlte. Doch das hätte den Nachteil, mir an dem Gebaumel den Kopf zu stoßen, weil unsere Hütte daheim niedrige Räume hat.


Einige Textilien sind mir hier in Wyborg erstmalig aufgefallen: Stalin auf einem T-Shirt ist einmalig. Putin, der den Bär reitet, ist ziemlich volkstümlich, Putin mit Wolf, Putin als auseinandernehmbare sich selbst reproduzierende Putin-Puppe, Putin mit Fliegermütze, Putin zur Rechten Gottes - nein, den gibt's noch nicht.


Wir haben ja noch einen Tag Russland, Wyborg mit Markthalle vor uns, dass wir uns passend inspirieren. Wyborg hat gegenüber St. Peterburg, was uns 11 Tage und Nächte bezauberte, einige erstaunliche Pluspunkte.

- Wyborg ist überschaubar.
- Der See ist fußläufig vom Motel zu erreichen.
- Der Radweg zum Bahnhof ist drei Kilometer kurz.
- Überhaupt ist es der erste Radweg für uns in Russland überhaupt.
- Die Attraktionen von Wyborg beschränken sich auf wenige Highlights.

Markthalle und das Turmrestaurant von 1547 hatten wir schon. Hauptattraktion ist die Burg der alten Schweden von 1293.


Wie wir bei Kirchen schon gesehen hatte, steht auch für das uralte Gemäuer eine Runderneuerung an.

Das Plakat 29.-30. Juli verweist auf ein Russland weites Ritterfest in Wyborg, immer am letzten Wochenende im Juli. Doch da waren wir ja schon - wie Putin - in Petersburg bei der Kriegsflottenfeier.

Rad- wie Autofahrten, Stadt- und Markthallen zu besichtigen, machen hungrig. Ein kleines Cafe verwöhnt uns mit russischen Genüssen. Ein Kuchenteilchen scheinbar mit Apfelfüllung stellte sich beim Kaffee dann als ein wellig geformtes, dünnes Brot mit Kartoffelbreifüllung heraus. Es schmeckt anders, als vorgestellt, doch es schmeckt auch - mit Pfeffer und Salz.

Vor dem Cafe mit den grünen Baldachinen steht endlich einmal ein echter, alter russischer Lada. Man sieht nicht viel von den kantigen Kisten. Auf sechs, sieben oder noch mehr westliche Autos kommt mal ein Lada, wahrscheinlicher ist sogar ein Verhältnis 20 zu 1.

Dies ist als "schwedisches Rathaus" in Wyborg ausgeschrieben. Obgleich mir Bilder, welche die Spitzen von Kirchtürmen oder wie in diesem Beispiel vom Rathauszipfel abschneiden, verhasst sind, war das kleine Mädchen einfach zu putzig. Es wollte partout die schiefe Ebene an der Treppe als Rutsche nutzen.

Schlösser an Brückengeländern sind ja eher schon gewöhnlich und langweilig. Hier in Wyborg jedoch nicht: Was dort an antikem Alteisen verschlossen vor sich hinrostet, hat manchmal schon musealen Wert.




Steht es nicht prächtig da, das wehrhafte Burggemäuer aus uralter Zeiten? Viele Stellen in Wyborg haben einen morbiden Charme. Aus Dachverzierungen in etwa fünfzehn Meter Höhe sind meterlange Dachsteine rausgebrochen. Jedenfalls sehen die Bruchstellen nicht nach kontrolliertem Abbruch aus.


Mit bestem Appetit hat der Zahn der Zeit an diesem einst prächtigen Mehrfamilienhaus genagt. Man sieht ins dritte Stockwerk durch die ausgeschlagenen Fensterhöhlen in ein Zimmer und erblickt voller Staunen einen Meter hohen Kachelhofen mit elfenbein farbener Porzellanummantelung.


Wie bei der Restaurierung der alten Burg baggern und bauern die Männer auch in den Straßen der Altstadt. Der Kamaz-20-Tonner mit drei angetriebenen Achsen hat sich gekonnt in die Lücke eingefädelt. Keine Minute später kppt die Volvo-Raupe eine volle Ladung Erde und Steine dem Lkw auf die Ladefläche.



Nachbauten von nordischen Wikingerschiffen vor dem Hotelkomplex Druschba sind nicht die größte Attraktion. Uns zieht es, wie andere, zu einem rauchenden Wrack etwa Hundert Meter weiter.


Ein bestialisch beißender Gestank wabert mit den schwarzem Rauch mir in die Nase. Doch wer würde sich solche Bilder im Zyklus "Rentners Rummelplatz Reisen" entgehen lassen?



Angesichts solcher Bilder und des Gestanks des schwarzen Rauchs fragt sich mein deutsch konditionierter Ordnungssinn: Wie kann so etwas sein? Aber es wird schon seine Richtigkeit damit haben. Die Feuerwehrschläuche liegen noch auf dem Rasen. In einem Bullen-Bulli am Tatort liegt über die ganze Frontbank ein Polizist in seligem Schlummer.


Denn auf der Lebensreise im Allgemeinen wie auf Reisen im Besondern gilt, sich nicht unnütz aufzuregen, die Dinge kommen und gehen zu lassen, wie sie sind, eben einfach bejahend akzeptieren. So wäre es meine Chronistenpflicht, sollte morgen die Sonne scheinen, Bilder bei besserem Licht einzufangen, doch meine Erinnerung bleibt dankend bei diesem Tag, der immerhin so freundlich war, uns von Regen zu verschonen. Was schaden Wolken vor der Sonne der Geschichte?




Zudem beginnt der nächste Morgen mit strahlendem Sonnenschein. Der See gleich beim Hotel lockt zum Bad. Er ist nicht einmal kalt, weil sein Wasser nicht tief ist. Der Felsen im See ist schon von der Sonne aufgeheizt. Das soll unser letzter Tag in Russland sein?


So einen paradiesischen Ort sollten wir verlassen, bevor unser Visum abläuft?


Wann werden wir wieder nach Petersburg fliegen, mit der Bahn am Bahnhof in Wyborg einlaufen?



Das Hotel Druzba-Freundschaft würde uns sicher gerne einchecken lassen.


Jetzt sind wir hier, jetzt sollten wir bleiben, uns mit Eindrücken voll saugen. Das Leben in vollen Zügen genießen.


Wir erfahren, dass eine Explosion vor drei Tagen das Schiff zerstört hat. Heute morgen raucht dort nichts mehr. Der Gestank hängt noch in der Luft.



Im runden Turm ist für uns gedeckt. Wir blicken vom besten Platz auf die Markthalle und den See.


In der Ruine zoomt das Tele den eindrucksvollen Ofen heran.


Das T-Shirt mit Stalins Bild dokumentiert, was die Markthalle in Wyborg am 1. August 2017 verkauft. Man stelle sich ein T-Shirt mit dem Konterfei seines Gegenspielers, des anderen Großmassenmörders im vergangenen Jahrhundert vor. Genug ist genug.

Mit Dankbarkeit verzeichnet mein Mühen zwei neue Interessenten, die an meinen Gedanken teil haben wollen. Wer Links von meinen neuen Arbeiten erhalten will, schicke einfach eine E-Mail ohne Betreff und Text an die Adresse

n0by-subscribe@yahoogroups.com

Sobald es für mich einen WiFi-Zugang gibt, gibt es eine Bestätigung für die Aufnahme in dieser Gruppe.



Der Blog-Bericht ist nun geschrieben. Ein nächster Schritt ist, ihn zu verteilen, zu verschenken. Wer mit Freude liest, wie es mich freut, Blog-Berichte zu schreiben, ist willkommen zu helfen. Das ist der Link:

http://n0by.blogspot.ru/2017/08/vom-petersburger-kriegsflottenfest-nach.html

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